Der Gütertausch

Dietrich Eckardt (www.dietrich-eckardt.com; diteck@t-online.de)

Die Menschen sind miteinander mannigfach vernetzt. Die existenziell wichtigsten Vernetzungen sind die ökonomische und die juridische. Die ökonomische Vernetzung findet am Markt statt. Mittlerweile gibt es den sog. „Weltmarkt“. Er verbindet nahezu alle Menschen zu einer einzigen Wirtschaftsgemeinschaft. – Der Markt ist kein Ort im räumlichen Sinne. Der Wirtschaftsphilosoph Ludwig von Mises (Nachdruck 1980) betont völlig zu Recht, dass es sich dabei um einen Prozess handelt. Dort herrscht ständig Bewegung. Am Markt kommen die Menschen immer neu zusammen. Das Ich agiert hier in der Rolle eines Wirtschaftssubjekts. Als solches tritt es aus seinem engsten Familien-, Bekannten- und Sippenkreis heraus und nimmt mannigfachen Kontakt zum fremden Du auf. Jenseits der Grenzen des Privaten bildet sich ein öffentliches Wir. Die Intersubjektivität im Kleinen wird aufgebrochen zugunsten einer im Prinzip globalen Intersubjektivität.
Am Markt ist das Ich mit den Anderen durch Tauschakte verbun-den. Der Tausch ist die augenfälligste Erscheinung am Markt. Er ist allgegenwärtig. Deshalb steht er im Fokus nicht nur des ökonomischen, sondern des gesellschaftstheoretischen Denkens überhaupt. Die Menschheit ist seit undenklichen Zeiten keine reine Selbstversorgergesellschaft mehr, sondern eine Tauschgesellschaft.. Der Inbegriff zwischenmenschlichen Tauschens ist der Markt, „ein riesiges Netzwerk von freiwilligen und mit gegenseitiger Zustimmung verbundenen Tauschvorgängen“ (Hans-Hermann Hoppe, 2012). Hier bildet das Ich den wohl kernhaftesten Teil seiner Beziehungen zum Du aus. Der Impuls zum Tausch ist die Zentripetalkraft, die den ansonsten eher zentrifugalen (individualistischen) Kräften beim Menschen entgegenwirkt. Das Tauschen ist deshalb eine besonders wichtige Form humaner Vergesellschaftung. Der Mensch tritt beim Tausch heraus aus der Vereinzelung.
Das Ich tritt am Markt als Handelndes auf. Individuelles Handeln, auch das ökonomische Handeln, ist stets auf bestimmte Dinge ausgerichtet. Nun kommen in der Ökonomie die Dinge nicht als solche ins Spiel, sondern als Güter. „Güter sind die tauglichen Befriedigungsmittel für menschliche Bedürfnisse… Also nicht jedes Ding ist an sich schon ein Gut, sondern [es ist dies] erst im Dienstleistungsverhältnis zum Menschen“ (Eugen von BöhmBawerk, Nachdruck 1998). Zu den Gütern zählen die Dienstleistungen und auch das Geld.
Der Güternutzen ist größer, wenn die Menschen nicht alle der für ihre Existenz notwendigen Güter selbst herstellen, sondern sich bei der Güterschöpfung spezialisieren und ihre Güter mit anderen Güterschöpfern tauschen. Der Tausch ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen von Gütern. Als Wirtschaftssubjekt ist der Mensch Güterlieferant und Güterempfänger zugleich. Für jeden Gütertausch muss vorerst etwas geleistet sein, auch da, wo nur im Wald Beeren gepflückt werden, um sie am Markt zu verkaufen. Das Produzieren ist der Ausgangspunkt für das Tauschen Aber auch das Umgekehrte gilt: Das Tauschen ist der Ausgangspunkt für das Produzieren, und zwar jener Güter, die über den individuellen Bedarf hinaus entstehen.
Die Menschen leben schon seit geraumer Zeit nicht nur von der individuellen Güterherstellung, sondern vor allem vom interindividuellen Gütertausch. Sie erlangen ihre Güter entweder durch Arbeit, oder als Geschenk (aufgrund einer Eltern-Kind-Beziehung, einer Freundschaft oder einer Erbschaft), durch Privilegien, Erpressung und Raub – oder eben durch das Tauschen. Freunde sind nicht immer zur Hand. Elternschaft verliert sich eines Tages. Privilegien, Erpressung und Raub schaffen böses Blut. Der Mensch wird in den meisten Fällen seine Bedürfnisse nur befriedigen können, wenn er für ein beanspruchtes Fremdgut ein Eigengut als Gegenleistung zur Verfügung stellt – im Zuge eines Tauschakts. Ist bei diesem Akt das Tauschgut Geld beteiligt, sprechen wir von Kauf bzw. von Verkauf.
Auch Arbeit fungiert als Tauschgut, kann also gekauft und verkauft werden. Schon die bloße Bewerbung um einen Arbeitsplatz zielt auf ein Tauschgeschäft: Das Wirtschaftsgut Arbeit gegen das Wirtschaftsgut Lohn. Ebenso zielt die Anrufung eines Gerichts auf einen Tausch: Rechtstitel gegen Gebühr bzw. Honorar. Oder es wird die Hilfsleistung einer Bildungseinrichtung ertauscht: Persönlichkeitsbildung gegen Gehalt. In all diesen Fällen werden Güter gegen Güter gegeneinander bewegt.
Eine entwickelte Gesellschaft ist immer „auf Arbeitsteilung und Austausch gegründet“ (Wilhelm Röpke, Nachdruck 1958). Als solche ist sie „ein Gebilde von höchster und subtilster Differenziertheit bei grundsätzlicher Anarchie.“ Das Gebilde „ist anarchisch, aber nicht chaotisch.“ Denn es bestehen darin Ordnungen, und zwar solche, die sich spontan bilden (a. a. O.; s. auch Friedrich August von Hayek, 1980). Diese Ordnungen sind zwar Ergebnis menschlichen Handelns aber als Ordnung von niemandem geplant.
Beim Tausch muss jedes Gut einerseits herausgegeben, andererseits angenommen werden. Der Tausch ist ein Akt mit zwei gegenläufigen Gütertransfers, also ein doppeltes Geben und Nehmen. Man spricht daher auch von der „Bilateralität“ des Tausches. Die Bilateralität ermöglicht, dass bei den gegenläufigen Transfers Symmetrie vorwaltet, im Unterschied zum Schenken, wo diese Symmetrie fehlt.
Jeder Tauschpartner opfert ein ihm gehörendes Gut oder einen Teil davon. Bei aller Begehrlichkeit für den Besitz des Gutes eines Anderen, erst diese Opferbereitschaft ermöglicht den Tausch. Mein Tauschpartner signalisiert mir nämlich klar und deutlich: „Ich will dir nichts schenken. Wenn du dieses mein Gut haben willst, dann kostet das etwas.“ Und ich – als sein Gegenüber – habe kein Problem damit. Ich bin bereit, Güter von mir zum Erwerb von dessen Gütern herzugeben, mit anderen Worten: dafür zu bezahlen. Nicht nur Geld, sondern jedes in den Tausch gelangende Gut hat Zahlungsfunktion. Manchmal ist diese Funktion bei Sachgütern sogar wichtiger und effektiver als beim Geld. Man denke nur an den Goldschmuck und die Zigaretten nach dem letzten Weltkrieg oder an den Whisky zur Zeit der Prohibition.
Beim Tausch gelangen die Güter aus dem Bereich der Güterhortung in den Bereich der Güterbewegung. Ein Tauschgut bewegt sich im Gegenzug zur Bewegung eines anderen: Erdöl gegen Know-how, Geld gegen Fleisch, Fleisch gegen Brot, Brot gegen Geld, Geld gegen Maschinen usw. Schon aus dieser kurzen Aufstellung ist ersichtlich, dass nicht überall Geld zur Vergütung dient. Denn sobald ein Gut in den Tausch, also auf den Markt gelangt, ist es per se Zahlungsmittel. Eine Bezahlung ist – das wird aus der folgenden Abbildung deutlich – die Vergütung einer Lieferung, egal in welcher Form sie erfolgt. Wegen der Bilateralität des Tausches sind alle Tauschpartner „Zahlmeister“.