Tilgungsversprechen als Tauschgut

Dietrich Eckardt (www.dietricheckardt.com; diteck@tonline.de)

Die in meinem früheren Beitrag „Der Gütertausch“ erörterten Geistesleistungen Evaluieren, Quantifizieren und Kreditieren sind die Voraussetzungen für das Tun am Markt. Sie sind – so war gesagt worden die „Säulen des Tausches“. Nachdem das quantitative Bewerten und oft auch das Kreditieren eines zum Tausch anstehenden Wirtschaftsguts erfolgt ist, kann die eigentliche Marktaktion als Handlungsvollzug beginnen. Das quantitative Bewerten der Güter und oft auch das Kreditieren sind also Akte, die vor jedem Tausch stattfinden müssen. Ohne diese Akte bewegt sich nichts am Markt, ja, es gibt dann einen solchen erst gar nicht.
Hat der Tausch an sich schon eine diffizile Wesensstruktur, so ist das Kreditieren als eigenständiger Vorgang bei vielen Tauschakten – in sich selbst noch einmal komplex (a. a. O.). Bei der nun anstehenden weiteren Analyse des Vorgangs geht es darum, einen Übergang zu finden zu solchen Tauschvorgängen, die wir nicht mehr schlicht Tauschen, sondern Kaufen bzw. Verkaufen nennen. Kaufen bzw. Verkaufen sehen wir im Unterschied zum asymmetrischen Tausch (a. a. O.) als vollgültige symmetrische Handelsakte an, obwohl hier Sachgüter nur einseitig die Besitzer wechseln. Bei einem asymmetrischen Tausch wird die Tilgung einer Schuld nur versprochen. Damit sich ein Tausch, in den ein Tilgungsversprechen einfließt, als vollgültig symmetrischer Akt vollziehen kann, muss ein solches zu einem echten Zahlungsmittel werden. Denn es schließt den Sachgütertausch nur provisorisch ab.
Die Zahlungsmittelwerdung des Versprechens erfolgt unter bestimmten Voraussetzungen. Sein Emittent muss erstens tilgen können. Und er muss zweitens tilgen wollen. Das Können ermittelt eine Bonitätsprüfung (a. a. O.). Wie aber prüft ein Güterlieferant, ob der ZuBeliefernde die Gegenlieferung beim Tausch erbringen will? Denn ein Versprechen ist nichts anderes als eine verbale Kundgabe, eine Äußerung bloßer Worte.
Jedes Versprechen, auch ein Tilgungsversprechen, erfolgt zunächst mündlich. Und es darf ein mündliches bleiben, ohne dass seine Verbindlichkeit dadurch Schaden erleidet. Es ist sogar relativ häufig, dass Tilgungen aufgrund einer nur mündlich erklärten Absicht erfolgen. In manchen Kulturen Afrikas behalten rein verbale Tilgungsversprechen über Generationen hinweg ihre Gültigkeit und werden irgendwann eingelöst.
Nun kann der Lieferant eines Sachguts (Kreditor) den Worten des von ihm Belieferten (Debitor) glauben oder auch nicht. Im zweiten Fall verlangt er die schriftliche Abfassung des Versprechens. Wir setzen voraus, dass der Belieferte kein Problem damit hat. Er stellt eine von ihm unterschriebene Bescheinigung seines Versprechens aus. Die Bescheinigung ist eine schriftliche Niederlegung in Form eines Dokuments.
Man kann im Ausstellen dieses Dokuments den Beweis für das Wollen des Emittenten des Versprechens (Debitors) sehen, dieses einzuhalten. Denn eine Bescheinigung über seine Schuld ausstellen wird ein Schuldner nur, wenn er sich ernsthaft entschulden will. Mit der Ausstellung der Bescheinigung unterwirft er sich indirekt dem „Leviathan“ der Gesellschaft. Das heißt, er ermöglicht seinem Gläubiger (Kreditor), das Gewaltpotential einer Exekutive einzusetzen, falls er sein Versprechen bricht (s. der Verf. 2021 a).
Es gibt eigentlich nur einen Grund, ein Versprechen zu bescheinigen. Das ist die Beweiskraft schriftlicher Dokumente. Es ist nämlich erstens die Leistungsfähigkeit unseres Gedächtnisses beschränkt. Nach vielleicht nicht einmal langer Zeit werden sich Gläubiger (Kreditor) und Schuldner (Debitor) oder deren Erben fragen: Wie war noch mal der genaue Wortlaut des Versprechens? – Und zweitens ist das Nichtwollen manchmal stärker als das Wollen. Gegen beides kann das schriftlich Fixierte von Nutzen sein.
Ein Güterlieferant verlangt also aus gutem Grund, dass ihm sein Tauschpartner seine vorerst nur mündliche Zusage als greifbares Objekt übergibt. Bei Tilgungsversprechen geschieht das oft durch Abfassung eines Schriftstücks, heute meist in Form eines Datensatzes in einer EDVAnlage. Erst in dieser Form wird ein Versprechen zu einem handelbaren Objekt. Denn mit anderem als mit Objekten kann man nicht handeln. (Übrigens kann auch ein Vertrag als Schriftstück über ein gegenseitiges Tilgungsversprechen – zu einem handelbaren Objekt werden, was ja an manchen Börsen auch geschieht.)
Das Versprechen muss also marktgängig im Sinne eines realen Tauschguts sein so wie andere dinglich präsente Tauschgüter auch. Es muss wie ein Ding weitergereicht bzw. übertragen werden können. Mit anderen Worten: Es muss vergegenständlicht sein. Gegenstandscharakter erlangt es erst, wenn es real greifbar, also materiell existent ist, wenn vielleicht auch nur als elektronisches Datum.
Weil eine Äußerung eines Geistesvorgangs nicht in gewöhnlichem Sinne vergegenständlicht werden kann, sondern nur als Symbol, handelt es sich bei der Bescheinigung des Tilgungsversprechens um eine symbolische Verdinglichung. Das Versprechen als solches wird durch die symbolische Objektivierung zwar nicht zum Gegenstand. Aber in Gestalt einer Bescheinigung kann es wie ein Gegenstand behandelt werden auch wenn die Bescheinigung nur digital existiert. Durch ihre symbolische Vergegenständlichung als Bescheinigung mutiert das Tilgungsversprechen zu einem realen Gut und kann als solches am Gütertausch teilnehmen.
Ein bescheinigtes Tilgungsversprechen ist für den einen Tauschpartner (Kreditor) eine Berechtigung auf Leistungsempfang, stellt also einen Gutschein dar. Für den anderen (Debitor) ist er eine Leistungspflicht, stellt also einen Schuldschein dar. Für den Emittenten des Scheins ist er ein Schuldschein, für den Empfänger und Inhaber ist er ein Gutschein. Ein in den Handel gebrachter Gutschein hat wie jedes sonstige Tauschobjekt stets diese zwei Seiten: Gut und Schuld in einem zu sein (a. a. O.). Die Bescheinigung eines Tilgungsversprechens ist insofern ein GutSchuldSchein. Das unterscheidet sie von anderen Bescheinigungen, z. B. von einem Schulzeugnis oder von einer Arbeitserlaubnis. Der Einfachheit halber spreche ich von einem GutSchuldSchein künftig immer von einem Gutschein. (Andere nennen diesen Schein mit gleicher Berechtigung Schuldschein). Dennoch hat er diese beiden Seiten: Bestätigung eines erhaltenen Gutes und zugleich Anspruch auf ein entsprechendes Äquivalent.
Der Gutschein hat durch das erwiesene Leistungspotential des Emittenten des Tilgungsversprechens des Debitors eine Deckung (a. a. O.). Erst wenn das Tilgungsversprechen, das dem Gutschein zugrunde liegt, gedeckt ist, kann man es wie ein reales Tauschgut behandeln. Als solches gelangt es in die Hände des Kreditors. Das Leistungspotential (die Deckung) wird zwar zunächst nicht aktiviert. In Gestalt des Gutscheins wird nur die Bescheinigung über die beabsichtigte Aktivierung ausgestellt. Aber dennoch wäre damit der Tausch einstweilen vollendbar.
Mit dem durch Bonitätsprüfung erwiesenen Können und dem durch Bescheinigung (symbolische Vergegenständlichung) bestätigten Wollen sind beide Voraussetzungen für die Akzeptanz des Tilgungsversprechens erfüllt. So lässt sich sagen:

Ein Gutschein ist ein symbolisch vergegenständlichtes Tilgungsversprechen, das mit dem Potential seines Emittenten gedeckt ist, die durch dessen Emission in die Welt gelangte Schuld zu tilgen.

Hat sich das Leistungspotential, das hinter einem Gutschein steht, eines Tages realisiert, ist also die Tilgung der Schuld erfolgt, dann muss der Gutschein vernichtet („zerrissen“, oder als Bucheintrag oder elektronisches Datum gelöscht) werden. Erst nach einer solchen Vernichtung ist der Tausch mit einem Tilgungsversprechen vollständig abgeschlossen.
Aufgrund der Abgabe eines Tilgungsversprechens wird der Gutschein geschöpft. Und aufgrund der Realisierung eines Tilgungsvermögens wird der Gutschein wieder vernichtet. Zwischen Schöpfung und Vernichtung hat er die Funktion eines Lückenfüllers, der eine noch nicht erfolgte Sachgutlieferung ersetzt. Mit dem Erlöschen dieser Funktion erlischt sein Existenzrecht. Aufgrund der Vernichtung nach Einlösen des auf ihm notierten Tilgungsversprechen bleibt die Anzahl aller Gutscheine knapp.
Ein Gutschein muss keine Wertangaben enthalten. Die dort verzeichnete Sache kann auch ohne quantitative Bewertung zum Gegenstand eines Tauschgeschäfts werden wenn sie nur hinreichend genau definiert ist. Die Emittenten von Gutscheinen (Debitoren) stehen lediglich dafür, die Sache in definierter Weise zu liefern. Ein Gutschein kann aber auch – und er ist es in der Regel – quantitativ bewertet sein.
Als quantitativ bewertete Bescheinigung ist der Gutschein ein sogenanntes Wertpapier. Weil der bewertete Gutschein nicht immer auf Papier aber immer schriftlich dokumentiert ist, benutzen wir besser den Ausdruck Wertschrift. Eine Wertschrift kann – wie uns die Historie lehrt unterschiedlichste Gestalt annehmen: als Aufschrift auf einem Stück Rinde (Urvölker), auf einer Silberfolie (Indien), als Münzaufdruck (Abendland), als digitales Datum in einer EDVAnlage bzw. auf einer Plastikkarte (Globus) oder eben auf einem Stück Papier.
Die oben formulierte Aussage über die Wesensgestalt eines Gutscheins lässt sich daher erweitern: durch eine quantitative Wertangabe. Sofern die Wertschrift – genauso wie der Gutschein ein symbolisch vergegenständlichtes Tilgungsversprechen ist und durch ein Leistungspotential gedeckt, lässt sich sagen:

Eine Wertschrift ist ein quantitativ bewerteter Gutschein.

Setzt man die Merkmale, die wir für den Gutschein gefunden haben (s. o.), in diese Definition ein, dann ergibt sich:

Eine Wertschrift ist ein symbolisch vergegenständlichtes, quantitativ bewertetes Tilgungsversprechen, das mit dem Potential seines Emittenten gedeckt ist, die durch dessen Emission in die Welt gelangte Schuld zu tilgen.

Ist ein Gutschein eine Wertschrift, dann schuldet sein Emittent nicht nur ein Gut schlechthin, sondern ein Gut mit einem ausgewiesenen Zahlenwert und mit ausgewiesener Bewertung. Der Schuldner A (Debitor) verspricht seinem Gläubiger B (Kreditor), zu einem späteren Zeitpunkt X am Ort Y das Tauschgut Z im Wert von CD als Gegenlieferung herbeizuschaffen. C bezeichnet eine Zahl und D bezeichnet ein Wertmaß (Dollar, Euro, Yen). Erst durch das Hinzufügen von Zahl und Wertmaß wird die Bescheinigung des Tilgungsversprechens (als quantitativ bewerteter Gutschein) zu einem brauchbaren Tauschobjekt für einen größeren Kreis von Handelspartnern.
Wertschriften fungieren in manchen Handelskreisen wie Geld. Inzwischen haben gute Wertschriften, z. B. Anteilscheine hochbonider Unternehmen, aufgrund ihrer großen intersubjektiven Akzeptanz als Zahlungsmittel unverkennbar Geldcharakter. Sogar einige WertschriftenDerivate (z. B. Floater) zeichnen sich durch dieses Merkmal aus. Manche Wertschriftendepots sind so marktoffen wie Bargeldkassen. Ihre Inhaber sind so liquide wie die Inhaber von Girokonten. Sie können jederzeit abheben, Überweisungen tätigen, Schecks ausstellen usw. (Heinz Brestel, 1986). Die Wertschriften solider Emittenten haben bereits fast alle Eigenschaften jener Finanzgebilde, die wir „Geld“ nennen.
Symbolisch vergegenständlichte und quantitativ bewertete Tilgungsversprechen (Wertschriften) können zwischen zwei Individuen oder in einem kleinen Kreis von Individuen (z. B. in Form von „Handelswechseln“ oder von „Regiogeld“) als Zahlungsmittel kursieren. Vernünftig in Gang gebracht werden kann der Handel mit ihnen aber erst, wenn sie von vielen oder gar allen Teilnehmern eines Handelskreises als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Erst dann sind sie das, was wir ausdrücklich und im engeren Sinne „Geld“ nennen.
Was ist Geld? – Gelder sind nichts anderes als besondere Wertschriften. Nun schafft die Finanzwirtschaft nicht nur das Tauschgut Geld überhaupt – sozusagen als Universalgeld , sondern auch jene Form von Tauschgut, die wir Währungsgeld nennen. Das Währungsgeld in seinen verschiedenen Vergegenständlichungsweisen ist für den alltäglichen Umgang relevant (und als solches innerhalb einer Geldnutzergemeinschaft allgemein gebräuchlich). Eine Unterklasse des Währungsgeldes ist das Bargeld. Im Folgenden werden alle drei Geldklassen charakterisiert.

Universalgeld
Die Definition, die wir für Wertschriften gefunden haben (s. o), passt nicht nur auf die bisher erörterten, sondern auf alle im Handel befindlichen Schuldverschreibungen. Sie passt auf die Wertschriften der Handelsringe (Trade Nets) und auf viele Wertschriftenderivate („Zertifikate“, „Substitute“, „Surrogate“, „Schuldtitel“). Die Wertschriften bonider Emittenten bilden inzwischen einen Teil unseres Geldes, vor allem im angloamerikanischen Wirtschaftsraum. Man bezeichnet diesen Teil gewöhnlich als Near Money. Das Near Money besteht aus Wertschriften von hochboniden Schuldnern. Deshalb wird es in weiten Bereichen der Wirtschaft als brauchbares und relativ liquides Zahlungsmittel gern genutzt.
Eine Definition des Geldes, die die Gesamtheit der heutigen Finanzmittel beschreiben will, muss auch das Geld der oben erwähnten Nebengeldkreisläufe umfassen. Das heißt, sie muss das Zahlungsmittel Geld universal erklären. Die verschiedenen Formen von beurkundeten Schuldverschreibungen (Wertschriften) bilden, wenn sie von guten Emittenten stammen, in ihrer Gesamtheit so etwas wie ein Universalgeld der Finanzwirtschaft. (Universalität des Geldes ist nicht zu verwechseln mit Globalität des Geldes!). Das Universalgeld ist aber nicht das, was wir im engeren Sinne als Geld bezeichnen. Es hat aber schon alle Funktionen desselben. Seine Definition lautet:

Universalgeld ist die Gesamtheit der Wertschriften hochbonider Schuldner.

Setzt man die Wesensmerkmale, die wir für die Gutscheine und für die Wertschriften gefunden haben, in diese Definition ein, dann ergibt sich:

Universalgeld ist die Gesamtheit der quantitativ bewerteten und symbolisch vergegenständlichten Tilgungsversprechen, die mit dem Potential ihrer Emittenten gedeckt sind, die durch deren Emission in die Welt gelangte Schuld zu tilgen.

Daraus folgt: die heute allgemein verbreite Finanzwirtschaft ist ihrem Wesen nach eine Kreditgeldwirtschaft. Hier gibt es kein Geld, was nicht aus Krediten stammt. Selbst dort entsteht Geld auf dem Weg der Kreditierung, wo Forderungen gegen sich selbst erzeugt werden (z. B. bei Banken), um mit ihnen zu bezahlen (z. B. um Wertschriftenankäufe zu tätigen). Eine Bank gibt sich für solche Zahlungen gewissermaßen selbst Kredit, was man leicht an ihrer Bilanz ablesen kann. Unser heutiges Geld basiert also auf nichts anderem als auf Versprechen, genauer: auf Tilgungsversprechen, eine Wahrheit, die in aller Klarheit schon von Argentarius (1920) formuliert wurde und die den weitaus größten Teil der sogenannten „Geldtheorien“ vom Tisch fegt.
Der in der soeben aufgestellten Definition fixierte Geldbegriff ist eindeutig. Die Definition schließt die besondere Geldklasse Währungsgeld (s. u.) mit ein. Was der Definition nicht entspricht (z. B. das sog. Kryptogeld), ist vielleicht „Geld“, aber nicht das allgemein akzeptierte Geld der heutigen Kreditgeldwirtschaft.
Neben dem Geld gibt es noch andere Tauschobjekte, die symbolisch vergegenständlicht sind, z. B. Konstruktionspläne von Maschinen. Solche Pläne sind aber eben kein Geld, weil ihnen keine Tilgungsversprechen zugrunde liegen. Und es gibt Tauschobjekte, die (wie auch das Geld) quantitativ bewertet sind, z. B. ausgepreiste Waren. Aber auch diese sind kein Geld, sondern Dinge für den realen Gebrauch bzw. Verbrauch. Geld innerhalb der heutigen Finanzwirtschaft ist jenes Etwas, das seine Existenz den Tilgungsversprechen und der Akzeptanz dieser Versprechen durch Kreditoren verdankt. Das Kreditieren ist dafür verantwortlich, dass Geld überhaupt entsteht. Evaluieren und Quantifizieren sind dafür verantwortlich, wieviel Geld entsteht.
Geld in seiner Rolle als Tauschobjekt bleibt stets Schuld, auch wenn es noch so gläubig für reines Gut gehalten wird. Es enthält die beiden für jeden Tausch typischen Komponenten Gut und Schuld sogar viel offensichtlicher als andere Tauschobjekte. – „Die Summe allen Geldes [der Begriff „Geld“ hier nur als Gut aufgefasst! d. Verf.] ist gleich der Summe aller Schulden“ hat der Banker Phillip von Bethmann einmal gesagt. (Ihm verdanken wir übrigens viele interessante Anregungen zur Erforschung des Geldbegriffs.) Der Satz müsste in meiner Version lauten: Die Summe aller GutScheine ist gleich der Summe aller SchuldScheine. Dieser Satz ist eine Tautologie. Beide Arten von Scheinen sind identisch, nämlich GutSchuldScheine (s. o.).
Geld dokumentiert eine Kollektivschuld, eine Schuld, die von irgendjemandem aus dem Kollektiv der Geldnutzer getilgt werden muss. Die Individualschuld des einzelnen Kreditnehmers, die ursprünglich zum Geld geführt hatte, erlischt zwar nicht. Aber in dem Geldverkehr, der auf die individuelle Geldschöpfung folgt, wird das Geldnutzerkollektiv als ganzes zum Schuldner. Leistungsverpflichteter des Geldbesitzers ist nicht mehr nur ein einzelner Güterlieferant am Markt (so wie beim individuell erstellten Gutschein), sondern es sind die Güterlieferanten einer Geldnutzergemeinschaft insgesamt. Weil das so ist, wird es für manchen schwierig, Geld nicht immer nur als Gut, sondern zugleich auch als Schuld zu begreifen. Aber wie jeder Gutschein, so ist auch jeder Geldschein nicht nur ein Anspruch auf ein Gut mit numerisch fixiertem Wert, sondern zugleich die Bestätigung eines als Äquivalent hergegebenen Wertes, der nicht verschenkt wurde, z. B. eine früher einmal verrichtete Arbeit.
Der Wert des Geldes wird über eine Bonitätsprüfung des DebitorenLeistungspotentials ermittelt. Dieses Potential muss sich in Form marktgängiger Güter realisieren. Weil die Güter der Kreditnehmer in vielen Fällen noch nicht existieren, sondern erst geschaffen werden müssen, entsteht in der Wirtschaft durch die Geldemissionen eine Wertschöpfungslücke. Mit der Produktion neuer Güter wird die Lücke geschlossen.
Können die Tilgungsversprechen nicht eingelöst werden, verlieren die Wertschriften (also auch die Gelder) ihren Wert. In dem extremen Fall, wo alle Gläubiger einer Wertschrift oder einer Geldemission fallieren, kann deshalb eine Wertschöpfungslücke nicht geschlossen werden. Es öffnet sich am Markt eine Schere zwischen dem Wert der insgesamt geschaffenen Wertschriftenmenge (der Geldmenge) und dem Wert realisierbarer Leistungspotentiale, die ja die Tilgungspotentiale für die Wiedervernichtung des Geldes in den Büchern der Kreditoren abgeben sollten. Die Folge ist ein Überhang ungedeckter Gelder. Der bewirkt eine Inflation der Güterpreise. Nicht also die Geldmenge an sich hat schon diese Auswirkung, sondern nur der durch Leistungspotentiale ungedeckte Teil der Geldmenge.
Das Geld der Kreditgeldwirtschaft existiert überall dort, wo quantitativ bewertete und symbolisch materialisierte Tilgungsversprechen als Tauschobjekte dienen und nicht erst dort, wo es Geldscheine und Münzen gibt. Geldscheine und Münzen sind im Grunde immer noch so etwas wie handfestes Sachgut. Erst die Elektronik macht die Menschheit endgültig frei von dem urtümlichen Tausch Sachgut gegen Sachgut.
Ein Blick in die Zukunft zeigt: Geldemissionen über Banken muss es gar nicht geben. Es genügt ein Netzsystem, etwa in Form einer Blockchain, in dem alle Tauschpartner als Bonitätsträger (mit ihrem Leistungs/Tilgungspotential) gelistet sind und in dem alle Handelsvorgänge dokumentiert werden. Professionelle Bonitätsprüfungsstellen, die ständig aktuelle Daten liefern, wären dann unverzichtbar. Verzichtbar hingegen wären nationale Gelder und Bargeld. Aber ein derart neuartiges, rationales Finanzsystem kann als freies nur dann existieren, wenn alle Tauschvorgänge – auch die mit den Anbietern von kollektiven Gütern auf der Basis individueller Vertragsabschlüsse stattfinden können. Dann wären z. B. Gebilde wie die Schnüffelkolonnen des staatlichen Fiskus nicht erforderlich.


In der Folge des William Stuart Jevons (1867), einem angesehenen englischen Ökonomen, ist die Definition des Geldes nach seinen Funktionen üblich geworden: Geld ist jenes Tauschgut, das in erster Linie als Zahlungsmittel, dann aber auch als Wertaufbewahrungsmittel, als Recheneinheit und als Wertmaßstab dient. Viele der Nachfolger Jevons haben diese Definition ihren Theorien zugrunde gelegt. John Maynard Keynes hat dem Merkmal „Recheneinheit“ anstelle der Zahlungsfunktion die Hauptrolle zugewiesen (1971).
In meinem Beitrag „Der Gütertausch“ ist gezeigt, dass zumindest Bezahlung und Wertaufbewahrung keine speziellen Funktionen des Geldes sind. Beide Funktionen sind ursprünglicher, als gewöhnlich angenommen. Bezahlen war in dem Beitrag ganz allgemein die Hergabe eines Gutes genannt worden, durch die man im Tausch ein anderes Gut erlangt. Zahlungsmittel ist ein Gut also immer, sobald es auf den Markt kommt. Und die Funktion der Wertaufbewahrung – so war im gleichen Atemzug gesagt worden hat ein Gut immer dann, wenn es den Markt verlässt. Prinzipiell kann also jedes Tauschgut die Rolle eines Zahlungsmittels und eines Wertaufbewahrungsmittels übernehmen. Das bedeutet: beide Funktionen sind nicht dazu geeignet, eine phänomenadäquate Wesensbestimmung des Geldes zu liefern.
Neben anderen Gütern dient natürlich auch das Geld als Zahlungsmittel und als Wertaufbewahrungsmittel. Geld erfüllt diese Funktionen gegenüber den anderen Gütern sogar hervorragend. Denn es ist intersubjektiv als Tauschobjekt akzeptiert. Und es ist (vor allem in Gestalt einer elektronischen Bescheinigung) unverderblich. Aber es erfüllt diese Funktionen nicht allein, so dass man diese nicht für eine sachangemessene Definition nutzen kann.
Nun werden dem Geld neben den Funktionen Zahlungs und Wertaufbewahrungsmittel noch zwei weitere Merkmale Recheneinheit und Wertmaßstab – zugeschrieben. Wie steht es damit?
Bei der Definition „Geld ist Recheneinheit“ erkennt der mitdenkende Leser sofort die Unstimmigkeit. Denn es sind die Zahlen und nichts als die Zahlen, die die Recheneinheiten beim Geld abgeben. Nur weil Geld numerisch bewertet ist, kann man mit ihm rechnen. Das Geld kann zwar als Recheneinheit dienen. Aber es ist nicht selbst diese Recheneinheit. Das ist lediglich die Zahl auf ihm. Die Definition „Geld ist Recheneinheit“ trifft nicht das Wesen des Geldes, sondern beschreibt die Funktion der Zahlen. Schon in meinem oben genannten Beitrag wurde sichtbar, dass eine solche Wesensbestimmung in eine Sackgasse führt, weil jedes numerisch bewertete Tauschgut als Recheneinhalt herhalten kann (Beispiel: die Zigaretten nach dem zweiten Weltkrieg).
Ebenso blockierend ist es, Geld – etwa in der Nachfolge des Aristoteles als „Wertmaßstab“ zu definieren, worauf vor allem Ludwig von Mises (2005) hingewiesen hat. Das ergibt sich aber auch schon aus der Wertetheorie Carl Mengers (s. hierzu auch Ansgar KnolleGrothusen et al., 2009). Bewertungsmaße werden oft verwechselt mit dem Geld, das sie messen. So entsteht der Irrtum, das Geld sei wesensmäßig selbst das Wertmaß. Was Ernst Wagemann (1932) die „Kochgeschirrtheorie des Geldes“ nennt, ist jene Lehre, die annimmt, „dass der Geldstoff der Wertmesser sei, an dem die Preise abgeschätzt würden.“ Inwiefern haben wir es hier mit einem Irrtum zu tun?
Geld unterliegt einer Wertbemaßung, wie jedes z. B. mit den Wertmaßen Dollar oder Euro bewertete und ausgepreiste Sachgut. Die Definition des Geldes als eines Wertmaßstabs geht offensichtlich auf die Gleichsetzung der Phänomene „Geld“ (als Papiergeld oder elektronisches Datum materiell greifbar) und „Wertmaß“ (immaterielle Größe) zurück. Beide Phänomene sind voneinander streng zu unterscheiden. Die Fehlstellung bei der oben genannten funktionalen Gelddefinition resultiert aus der Gleichsetzung der Geldeinheiten mit Maßeinheiten, die wohl an Geldeinheiten gekoppelt aber diese selbst nicht sind.
Die Bewertung der Sachgüter kann zwar auf dasselbe Wertmaß wie die des Geldes bezogen sein. Aber beide Bewertungen finden getrennt statt. Der Wert des Geldes stammt aus dem Bewertungsakt, der das Tilgungsvermögen abschätzt (z. B. bei einer Bonitätsprüfung), welches das Geld deckt und schließlich als Wertangabe auf dem Geld erscheint. Der Wert der ausgepreisten Sachgüter stammt aus einem ganz anderen, vom Geld völlig unabhängigen Bewertungsakt, der im Rahmen der Preisfindung bei einem Sachgut stattfindet.
Immer ist es die Zahl am Gelde (die Zahl 10 oder 20 auf dem Geldschein), die die Recheneinheit abgibt. Und immer ist es das Wertmaß (Dollar oder Euro), welches das Geld in seinem Wert bemisst. Das Wertmaß dient auch als Maß für die Bewertung aller möglichen anderen Dinge. Hier kommt nicht das Geld als Recheneinheit und als Messlatte ins Spiel, sondern die Zahl und das Wertmaß als solche, die dann allerdings auch auf dem Gelde erscheinen.
Schon ein nur vordergründiger Blick auf die Dinge offenbart diesen Sachverhalt. Wenn es z. B. heißt: Der Pullover kostet 100 Euro, dann ist das eine handlich verkürzte Redewendung. Sie besagt in vollem Wortlaut: für einen Pullover, der mit 100 Euro bewertet ist, muss man im Tausch als Gegenleistung ein Geld aufwenden, das ebenfalls mit 100 Euro bewertet ist.
Im Beitrag „Der Gütertausch“ hatten wir gesehen, dass prinzipiell alle Tauschgüter sowohl Zahlungsmittel als auch Wertaufbewahrungsmittel sein können und dies oft auch sind. Und nun erfahren wir, dass der Wert aller möglichen Gelder zwar durch bestimmte Wertmaßstäbe (Dollar, Euro, Yen usw.) ermittelt wird, aber dass die Gelder selbst die Maßstäbe nicht sind. Zwar kann Geld, sofern es selbst bewertet ist, aushilfsweise als Wertmaß für andere Güter herhalten. Aber das können viele andere bewerteten Tauschgüter auch.
In welche intellektuelle Sackgasse es führen kann, wenn das Geld als Wertmaßstab deklariert wird, sieht man daran, wie die Menschen in Europa den in der letzten Jahrtausendwende erfolgten Übergang der bis dahin unterschiedlichen europäischen Wertmaße in ein einheitliches Wertmaß deuten. Sie glauben, es sei mit der Einführung des Euro neues Geld entstanden. Sie wollen nicht wahrhaben, dass das vermeintlich „neue Geld“ längst vorhanden war. Kein einziger Cent ist damals neu entstanden. Nur wurden die bereits vorhandenen alten Gelder ab dato anders taxiert, und zwar mit einem neuen, diesmal europaweit gültigen Wertmaß.
Viele Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, die den Euro thematisieren, gehen wie selbstverständlich davon aus, dass seinerzeit neues Geld eingeführt wurde (und dass deshalb der Euro – und nicht das allgemeine staatliche Finanzchaos in den europäischen Ländern – die Übel der europäischen Gemeinschaft verantwortet). Die Autoren sehen nicht, dass lediglich ein neues Wertmaß das Licht der Welt erblickte – nicht nur zur Bewertung von Sachgütern, sondern auch zur Bewertung von Geld. Bei der Einführung des Euro hat sich nur die Bewertung der Sachgüter und des Geldes geändert. Dabei hat sich Ähnliches ereignet wie einstmals bei der Einführung des Metermaßes als einheitliches Längenmaß für Kontinentaleuropa.
Die abwegigen „Verbesserungs“Vorschläge, die eurokritische Leute aus der Fehldeutung der EuroEinführung ableiten, spotten jeder Beschreibung. Man kann einschlägige Bücher ohne Arg der Kategorie „Schundliteratur“ zuordnen. Mancher Autor erweckt den Anschein, als würde er am liebsten das Metermaß wieder abschaffen, um die Welt zu retten, und dieses Maß wieder durch die ursprünglichen Regionalmaße ersetzen.
Wer die erhellenden Analysen des Bewertens bei den Altmeistern der Ökonomie aufmerksam studiert, erkennt, dass Geld und Wert ganz unterschiedliche Phänomene sind. „Der Tauschwert des Geldes ist der antizipierte Gebrauchswert der für das Geld anzuschaffenden Dinge“, heißt es dort (Friedrich von Wieser, Nachdruck 2016). Dieser Satz konnte nur geäußert werden vor dem Hintergrund einer klaren Unterscheidung von Wert und Geld. Über den Wert lernt man etwas aus der Analyse des Bewertens. Über das Geld lernt man etwas aus der Analyse des Kreditierens.
Fazit: Weder das Kennzeichen Zahlungsmittel, noch das Kennzeichen Wertaufbewahrungsmittel, noch das Kennzeichen Recheneinheit, noch das Kennzeichen Wertmaßstab treffen das Wesen des Geldes. Alle diese gelten auch für andere Tauschgüter. Daraus ist zu lernen: Geld aufgrund seiner Funktionen zu definieren, verfehlt nicht nur dessen Wesensgehalt. Es führt sogar in die Irre (siehe die Deutung der Einführung des Euro). Dem mitdenkenden Leser schwant, dass er sich von der für Viele so griffigen funktionalen Definition des Geldes verabschieden muss. Bei der klassisch gewordenen Gelddefinition von Jevons wird zumindest das Wesen des Geldes nicht erfasst. (Es ist übrigens die Crux aller funktionalen Definitionen, dass sie das Wesen der zu definierenden Sache nicht treffen. Das leisten nur essentiale Definitionen.)
Meine offensichtlich abfällige Beurteilung über die Versuche, das Phänomen „Geld“ über seine Funktionen zu definieren und daraus die Vorgänge bei der Geldschöpfungs und Geldumgangspraxis zu deuten, mag dem einen oder anderen gewalttätig erscheinen. Sie wurde aber – wie ich hoffe – in den vorstehenden Abschnitten und in meinem Beitrag „Der Gütertausch“ hinlänglich und nachvollziehbar begründet. Solche Begründung steht bei mancher alternativen Geldtheorie noch aus. Hier muss als erstes einmal geliefert werden, und zwar verlässliche Beobachtungsdaten und Analyseergebnisse.

Das Währungsgeld
Die Handelskraft eines Wirtschaftssubjekts ist optimal, wenn sie sich in Form von Geld realisiert. Das reicht aber nicht immer. Voll entfalten kann sich diese Kraft erst, wenn das Tauschgut „Geld“ in einer Form präsent ist, die wir Währungsgeld nennen. Erst das Währungsgeld ist ein Geld, mit dem man innerhalb eines Handelskreises überall und immer bezahlen kann. Regulär mit Geld bezahlt wird auch bei solchen Tauschgeschäften, in die ein von der Wirtschaft außerhalb der Banken selbst geschaffenes Geld (Near Money) einfließt. Aber nur mit Währungsgeld kann man alle nur möglichen Tauschgeschäfte innerhalb einer Wirtschaftsgemeinschaft tätigen. So hat man (neben vielen anderen!) im Währungsgeld ein besonders ausgezeichnetes Zahlungsmittel. Auch das Währungsgeld entsteht aus Krediten. Es ist eine Unterklasse des Universalgeldes. Diese Unterklasse weist gegenüber anderen Geldklassen eine Besonderheit auf: sie wird nur vom Bankensystem emittiert. Insofern sind die Banken immer die Basisschuldner des von ihnen herausgegebenen Geldes. Ihre Schuldnerschaft übertragen sie per Vertrag auf ihre Kreditnehmer. Durch diese (doppelte!) Schuldnerschaft ist das Währungsgeld gedeckt.
Währungsgeld ist also ebenfalls Geld der Kreditgeldwirtschaft. Insofern ist es durch die oben aufgestellte Gelddefinition miterfasst. Was aber ist das Besondere am Währungsgeld? Worin unterscheidet es sich von allen anderen Geldern? Die Besonderheit des Währungsgeldes schlägt sich in einer für dieses Geld typischen Definition nieder:

Währungsgeld ist jener Teil des Universalgeldes, dessen Deckung vom Bankensystem gewährleistet ist.

Viele Arten von Wertschriften, die wir in der Klasse des Universalgeldes vorfinden, sind noch nicht das, was wir im eigentlichen Sinne Geld nennen. Sie mögen als Geld fungieren. Aber sie sind in den Augen vieler Menschen noch kein Geld, jedenfalls kein „richtiges” Geld. Erst Währungsgeld ist nach üblicher Auffassung „richtiges“ Geld. Es genießt Akzeptanz im höchsten Grade, nämlich bei allen Individuen einer Geldnutzergemeinschaft. Was fehlt nun einem Geld noch zum vermeintlich „richtigen” Geld? Es fehlt ihm die Akzeptanz als Tauschobjekt durch alle Subjekte eines bestimmten Handelskreises. Währungsgeld ist insofern nicht auf bestimmte Tauschakte beschränkt. Es ist in unterschiedlicher Vergegenständlichung (auch als Bankscheck oder als „Plastikgeld“) in die Gesamtheit der Tauschvorgänge eines Handelskreises einflechtbar.
Viele Formen des Universalgeldes, also ausgewählter Wertschriften, sind nur Geld zwischen bestimmten Tauschpartnern und für diese Tauschpartner. Sie erscheinen dem sogenannten „richtigen“ Geld gegenüber als defizitär, selbst wenn jährlich weltweit zig Milliarden davon in Umlauf sind.
Die Darlehensnehmer der Banken sind ausdrücklich in Währungsgeld verschuldet. Mit anderen Worten: Sie müssen sich mit Währungsgeld entschulden. Sie geben in ihrer Rolle als Konsumenten oder Investoren dieses Geld am Markt aus. Danach müssen sie schauen, wie sie für die Einlösung ihrer Tilgungsversprechen wieder an Währungsgeld herankommen. Das geschieht durch Tauschakte am Markt. Tauschmittel können die eigene Arbeitskraft oder irgendwelche Sachgüter sein.
Die Besonderheit bei der Währungsgeldtilgung ist also: Es muss stets wieder mit Währungsgeld vernichtet werden, ganz gleich, wie die Darlehensnehmer an solches Geld herankommen (durch Verkauf von Gütern oder Wertschriften oder durch Anschlussdarlehen). Aufgrund dieser Vernichtung durch Erfüllung der auf ihnen notierten Tilgungsversprechen bleibt die Menge des Währungsgeldes knapp.
Jenes Geld, das zur Tilgung des geschuldeten und gedeckten Währungsgeldes verwendet wird, ist seinerseits wieder gedeckt, nämlich durch das Potential der Bankschuldner, sich solches Geld am Markt zu beschaffen. Das erfolgt dadurch, dass sie vorhandene oder erst zu erzeugende Sachgüter am Markt verkaufen. Dieses am Markt sich realisierende Können ist letztlich die Bonität der in Währungsgeld Verschuldeten. Die Deckung des Währungsgeldes (Bonität der Währungsgeldschuldner) ist insofern – wie bei jedem anderen Geld auch eine über den Markt vermittelte. Nur wird sie speziell durch das Bankensystem geprüft. Ob Währungsgeld rundum gedeckt ist oder nicht, verdanken wir letztlich der Professionalität der Banker.
Wir hatten bereits oben gesehen: Die Deckung von Tilgungsversprechen gründet in der Bonität von deren Emittenten. Das Vorhandensein dieser Deckung ist die Voraussetzung für die Geldschöpfung. Die besondere Aufgabe der Banker besteht nun darin, die Bonität der von ihnen kreditierten Emittenten von Tilgungsversprechen intensiver und strenger als andere Kreditoren unter die Lupe zu nehmen. Für die auf dem Währungsgeld lastende Schuld trägt nämlich die Bank erstrangig das Risiko. Sie haftet für den Ausfall der Tilgung. Das heißt, sie muss im Ernstfall selber dafür sorgen, dass die durch die Geldemission bei ihr entstandene Verbindlichkeit („Sichtverbindlichkeit“) aus ihrer Bilanz verschwindet. Darin gründet ihr großes Interesse, die Bonität ihrer Kreditkunden genau zu kennen.
Neben dem Währungsgeld wird es in einer Finanzwirtschaft immer auch Gelder geben, deren Deckungsgarantie keiner Bank zuzuschreiben ist, sondern anderen Bonitätsprüfern, z. B. den Analysten der Investmentgesellschaften und Lebensversicherungen. Die von ihnen für ihre Finanzgeschäfte akzeptierten Wertschriften sind im Idealfall ebenfalls voll gedeckte Zahlungsmittel.
Wie hoch der Anteil und die Bedeutung des Währungsgeldes beim weltweit kursierenden Universalgeld ist, richtet sich danach, ob der Umgang mit Finanzmitteln mehr banken oder mehr börsenorientiert ist. Hier unterscheidet sich die angloamerikanische von der kontinentaleuropäischen Geldwirtschaft (Jürgen von Hagen und Johann Heinrich von Stein, a. a. O.). Aber immer gilt: Währungsgelder sind nur ein Teil des Universalgeldes. Es ist jener Teil, der den höchsten Grad an Marktgängigkeit („Liquidität“) besitzt.
Die Ausweitung der Marktgängigkeit von Geld auf der Basis einer Währung ist für die Geldnutzergemeinschaft überaus folgenreich. Sie wird als Ganze zur Leistungsschuldnerin gegenüber dem in Umlauf befindlichen Geld. Währungsgeld ist ein nichtspezifizierter Anspruch an das gesamte Güterangebot einer Wirtschaftsgemeinschaft. Wenn ich Geld mein eigen nenne, befinde ich mich auf Seiten der Gläubiger der Geldwirtschaft. Ich habe in der Regel beispielsweise über Arbeitsleistungen oder durch den Verkauf eines Besitzes meine Schuldigkeit am Markt getan. Sobald ich das dabei verdiente Geld bei mir habe, schuldet mir irgendjemand anderes am Markt ein Gut oder eine Leistung. Im Grunde schulden mir die Anderen einen Anteil aus allem, was auf dem Markt ist. Mit Währungsgeld kann ich völlig uneingeschränkt in den Gütertausch des Marktes eintreten.

Das Bargeld (Staatsgeld)
Eine besondere Form des Währungsgeldes ist das Bargeld. Bargeld liegt in Gestalt von Münzen und Banknoten vor. Heutzutage ist nur ein kleiner Teil des Geldes als Bargeld im Umlauf. Gerade einmal 8% der Eurogeldmenge M 3 ist Bargeld. Setzt man das Bargeld in Relation zur Menge allen Geldes, wozu auch jede Form von „Near Money“ gehört, dann geht sein Anteil im Vergleich zur Gesamtgeldmenge weiter gegen Null. Bargeld ist zwar im Zeitalter des elektronischen Zahlungsverkehrs immer noch auf dem Markt, aber nur in vergleichsweise geringer Menge.
Wenn wir im Alltag über Geld sprechen, dann assoziieren wir trotz allem meistens das, was sich in unseren Portemonnaies befindet, nämlich Münzen und Banknoten. Dieses Geld nennen wir auch Staatsgeld. Bargeld ist Staatsgeld, weil nicht die Geschäftsbanken, sondern allein die vom Staat ermächtigten Banken, nämlich die Zentralbanken, die Emittenten dieses Geldes sind. Während das normal umlaufende Wirtschaftsgeld aus Krediten (Tilgungsversprechen) stammt und in der Regel auf EDVAnlagen oder auf Plastikkarten vorhanden ist, knüpft der Staat bei der Emission seines Geldes an die Tradition des Münz und Notengeldes an. Dieses ist zwar Teil des Währungsgeldes. Aber Giralgeld und „Plastikgeld“ sind auch Teile davon.
Die Münzen des Bargeldes hatten ursprünglich einen hohen Eigenwert, weil sie aus Edelmetall bestanden. Deshalb brauchten sie keine Deckung. Sie waren ja selbst wertvolle Ware. Beim Tausch mit ihnen handelte es sich also im Grunde um einen reinen Sachgütertausch, so wie er wohl von Anfang an unter den Menschen üblich war. Noten hingegen, die aus billigem Papier bestehen, brauchten eine Deckung. Das sollten ursprünglich zunächst die Edelmetalle sein, welche die Banken einstmals angeblich in Unmengen in ihren Tresoren horteten. Diese (Voll) Deckung soll darin bestanden haben, jederzeit auf Wunsch Edelmetall liefern und damit die auf der Note lastende (und übrigens auch auf ihr verzeichnete!) Schuld tilgen zu können. Ein solches Lieferpotential hat aber niemals vollumfänglich existiert. Eine Volldeckung von Geld war schon immer nur dann erreichbar, wenn neben den edelmetallhaltenden Banken auch die Bankkunden dafür Sorge trugen: etwa durch Verpfändung ihrer Tilgungsvermögens bei der Darlehensaufnahme. Diejenigen, die behaupten, dass eine Volldeckung des Geldes durch Gold oder Silber früher einmal existiert habe, müssen beweisen: 1. dass die damaligen Banken nur jeweils so viele Noten herausgegeben hatten, wie sie an Eigenkapital besaßen; 2. dass dieses Eigenkapital komplett in Form von Gold oder Silber in den Kellern der Banken lagerte.
Auf den früheren Banknoten war zwar das Versprechen aufgedruckt, die Noten jederzeit in Edelmetall umzutauschen. Aber das konnten die Banken immer nur teilweise. Sie gingen davon aus, dass niemals alle Notenbesitzer gleichzeitig ihr Geld in Edelmetall umtauschen wollten. Das war ein Irrtum, wie sich mehrfach erwiesen hat. In finanziellen Grenzsituationen wurde offenbar, dass die Banken ihre Versprechen, Edelmetall für jeden ihrer emittierten Geldscheine liefern zu können, nicht halten konnten. Die damaligen Versprechen der Banken waren eigentlich schon immer Unwahrheiten. Denn immer dann, wenn alle Geldbesitzer ihre Scheine in Metall umtauschen wollten, crashten die Banken. Trotz dieser Ereignisse befindet sich dieses Versprechen heute noch auf bestimmten Geldscheinen, z. B. auf den britischen Pfundnoten – sogar unterschrieben vom Chef der englischen Zentralbank.
Nun wollen eilfertige Geldtheoretiker herausgefunden haben, dass das heutige Staatsgeld im Gegensatz zu früheren Geldnoten überhaupt nicht gedeckt sei. Über das Staatsgeld sind deshalb die seltsamsten Behauptungen im Umlauf. Zum Beispiel heißt es: Staatsgeld sei wie aus dem Nichts geschaffen, entstanden nach der Methode „Fiat Money“. Dieser Befund leuchtet zunächst ein. Im Gegensatz zu den Banknoten vor dem ersten Weltkrieg existiert derzeit kein Recht für die Inhaber und Benutzer des Bargelds, es direkt bei der Emittentin (Zentralbank) gegen Sachwerte (z. B. Edelmetall) umzutauschen. Das war zwar schon damals nur in sehr begrenztem Umfang der Fall. Denn die Banken, auch die nationalen Zentralbanken, gaben immer schon mehr Geldscheine heraus als sie an Edelmetall als Deckungsmaterie besaßen (s. o.). Aber einige Geldtheoretiker glauben das nicht. Sie glauben, es hätte in den „goldenen Zeiten der Nationalökonomie“ immer nur Geld gegeben, das durch Edelmetall voll gedeckt war. Dem heutigem Banknotennutzer stehe deshalb – so heißt es weiter ein tilgungsunfähiger Geldschöpfer gegenüber: der Staat.
Für eine erkenntnisrelevante Aussage darüber, ob das Staatsgeld (Bargeld) gedeckt ist oder nicht, ist folgender Umstand wichtig: Bargeld wird nicht ohne Anlass hergestellt und ausgegeben. Der Anlass ist stets der Bedarf der Geldnutzer. Besteht solcher Bedarf, dann geben sie ihrer Hausbank Order, bei der Zentralbank Bargeld zu beschaffen (sofern die Hausbank nicht Vorräte an Bargeld vorher schon im Tresor hat). Und die Bank tauscht dann das Giralgeld ihrer Kunden (Wirtschaftsgeld) gegen die bei der Zentralbank hergestellten Geldscheine bzw. gegen die durch sie erworbenen Münzen (Staatsgeld) um.
Kein einziger Cent an Bargeld verlässt die Staatsbank, für den nicht im Gegenzug Giralgeld (gedecktes Wirtschaftsgeld) an sie zurückfließt. Beim Bargeldfluss hinein in den Markt findet also nichts anderes als ein Austausch der Geldmaterie statt: Elektronik wird ersetzt durch Papier bzw. Metall. Das Bargeld ist nur eine andere Form der symbolischen Vergegenständlichung irgendwann einmal anderweitig (z. B. bei der Darlehensvergabe durch eine Geschäftsbank) abgegebener Tilgungsversprechen. Und es ist durch die Tilgungsvermögen gedeckt, die bei der Erzeugung des Darlehensgeldes einstmals zugrunde gelegen hatten.
Die Zentralbank fungiert also nicht nur in der Hinsicht als „Wechselstube“, dass sie verschiedene Nationalwährungen ineinander umwechselt, sondern auch in dem Sinne, dass sie Giralgeld (Wirtschaftsgeld) in Bargeld (Staatsgeld) verwandelt. Dabei wird dem Geld weder ein anderes Wertmaß zugeteilt (wie z. B. beim „Devisengeschäft“), noch – wie es bei Fehlinformierten oft heißt „Geld willkürlich geschöpft“. Sondern es wird dem (bereits vorhandenen!) Geld lediglich eine andere Materialisierungsform verpasst.
Aus diesem Umstand folgt, dass Bargeld auf jeden Fall gedeckt ist, in einer Weise allerdings, die sich nicht Jedem sofort erschließt. Denn Bargeld stellt hinsichtlich seiner Deckung eine Ausnahme dar. Es ist nur indirekt gedeckt, also nicht unmittelbar durch festgeschriebene Leistungspotentiale. Es ist gedeckt durch das Giralgeld (Wirtschaftsgeld), das im Tausch gegen Bargeld hergegeben wird. Was an Bargeld die Zentralbank verlässt, kommt im Tausch gegen Wirtschaftsgeld gleicher Wertstellung auf ihre Konten zurück. Mit diesem der Zentralbank zufließenden Wirtschaftsgeld, das ja selbst eine Deckung bereits hat (s. o.), ist das Bargeld komplett gedeckt. Die Ansicht, dass Staatsgeld nicht gedeckt sei, berücksichtigt nicht das offensichtliche Faktum, dass dieses Geld stets gegen Wirtschaftsgeld getauscht wird.
Dass das Staatsgeld eine Deckung aufweist, war nicht immer so. Nach dem ersten Weltkrieg kam in Deutschland Bargeld auf den Markt, das jede Form von Deckung vermissen ließ. Bargeld war damals nicht durch Wirtschaftsgeld unterlegt, sondern „Luftgeld“ im wahrsten Sinne des Wortes. Es war reines Druckerzeugnis. Wohl die große Nachkriegsnot, aber auch die damals allgemein für richtig gehaltene Staatsgeldtheorie, die von Leuten wie Georg Friedrich Knapp (1905) in die Welt gesetzt wurde, ließ die Zentralbanker vergessen, was schon die mittelalterlichen Hansekaufleute und ihre norditalienischen Kollegen wussten: Jeder als Geld verwendete Schein sollte, wenn schon nicht durch das Liefervermögen von Edelmetall, so doch durch ein Liefervermögen überhaupt gedeckt sein.
Die staatliche Bargelderzeugung ist nichts anderes als das Bereitstellen einer besonderen Form der Vergegenständlichung für ein von der Wirtschaft bereits vorher geschöpftes Geld. Das heißt, die Finanzmittel sind insgesamt entweder selbst Wirtschaftsgeld oder durch Wirtschaftsgeld unterlegt. Eine Unterscheidung von Staatsgeld (Bargeld) und Wirtschaftsgeld (Kreditgeld) rechtfertigt sich allein dadurch, dass die staatliche Zentralbank eine alternative Materialisierung symbolisch vergegenständlichter Tilgungsversprechen bereitstellt. Darin hat sie eine Monopolstellung unter den Banken.
Weil es so ist, kann Staatsgeld jederzeit wieder in Wirtschaftsgeld zurückgetauscht werden – wie früher in Gold. Davon machen die Ladenbesitzer Gebrauch, wenn sie ihr eingenommenes Kassengeld (Staatsgeld) allabendlich zur Bank tragen und dafür eine Gutschrift auf ihrem Girokonto erhalten. Diese Gutschrift stammt letztlich aus dem Rückfluss des Wirtschaftsgeldes von der Zentralbank an die Geschäftsbanken, wenn diese – was immer wieder geschieht der Zentralbank ihr Bargeld im Tausch zurückgeben.
Bei allem Verständnis für die Skepsis des Murray Rothbard gegenüber Regierungen seine Bemerkung, dass heutige Banknoten bloß „Papierschnitzel“ seien, die von den sie angeblich emittierenden Regierungen „Geld“ genannt werden (2005), war sicher nicht seine intelligenteste. Dass hingegen die staatlichen Zentralbanken neuerdings Gelder (auf dem Umweg über dubiose staatliche Wertschriften, den sogenannten „Schrottpapieren“) auf den Markt bringen, deren Deckung nur behauptet, nicht aber vorhanden ist, wird niemand bestreiten. Solche Emissionen sind aber keine echten Wertschriftschöpfungen, sondern kriminelle Akte.

Zitierte Literatur:
Argentarius (Pseudonym), Vom Gelde Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn, (1920) Nachdruck Hamburg 2011
Brestel, Heinz, Auf dem Weg vom Buchgeld zum Briefgeld, FAZ vom 23.8.1986
Eckardt, Dietrich, Der Markt und seine Verzerrung, Berlin 2021
Eckardt, Dietrich, Das Recht und seine Verfälschung, Berlin 2021a
Jevons, William Stuart, Geld und Geldverkehr, Leipzig 1867
Keynes, John Maynard, A Treatise on Money, in Collected Writings, London 1971
Knapp, Georg Friedrich, Staatliche Theorie des Geldes, Leipzig 1905
KnolleGrothusen, Ansgar u. a., Geldware, Geld und Währung – Grundlagen zur Lösung des Problems der Geldware, Hamburg 2009
Mises, Ludwig von, Theorie des Geldes und der Umlaufmittel, Nachdruck Berlin 2005
Rothbard, Murray Newton, Das Scheingeldsystem wie der Staat unser Geld zerstört, Gräfelfing 2005
Wagemann, Ernst, Was ist Geld? Oldenburg 1932
Wieser, Friedrich von, Über den Ursprung und die Hauptgesetze des wirthschaftlichen Werthes, Wien 1884, Nachdruck 2016